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Er erwacht, wie jeden Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen durch das Glas fallen. Er setzt sich auf die kleine Bank vor seiner großen Burg und schaut auf den kleinen Kasten, der sich auf der anderen Seite des Glases in einem Eck im Zimmer befindet. Er sieht darauf viele verschiedene Bilder und Leute, die eigenartig ihren Mund bewegen. Er findet das sehr eigenartig, wenn sie sich eine zweite Haut anzieht, die aus verschiedenen Teilen besteht und aus so vielen Farben. Einmal hat er ein Wesen mit langen Haaren gesehen, das sogar ein zusätzliches Gewicht- da kann Sie Sachen reintun- getragen hat, genau von derselben Farbe und demselben Material wie seine eigene Haut. Da ist er eilig in seine Burg gehüpft und war unfassbar dankbar, dass dieses Wesen und ihn eine Burg, viel Wasser,    ein Glas und ein großer Abstand trennten. Normalerweise bleibt er solange auf der Bank sitzen bis das kleine weibliche Wesen in den Raum kommt. Wenn er bereits merkt, dass die Tür zum Raum aufgeht, spannt er sich mit aller Kraft an. Er hält sich immer an derselben Stelle fest. In der Bank ist ein kleiner Vorsprung, wenn er dort seinen Schenkel reinsteckt und jede Faser aus seinem Körper bis an das Maximum anspannt, kann er nicht aus dem Loch herausrutschen und ist sicher. In diesem Zustand kann er sich keinen Millimeter bewegen – nicht mal zittern kann er, obwohl er das, wenn Sie weg ist, als nächstes für einige Momente tun wird. Sie kommt rein, den Mund weit geöffnet, er sieht sie aus den Augenwinkeln, wie sie hüpft und den Mund immer weiter öffnet. Er denkt sich: „Streng dich an – spann dich an – dann kannst du dich festhalten, dann bist du sicher.“ Und dann geschieht es, alles um ihn herum beginnt zu beben und zu rütteln,  immer fester. Er kann die Augen nicht mehr offen halten und schließt sie wie so oft – nur ein Gedanken in seinem kleinen Kopf: „Anspannen und festhalten.“ Und eben so schnell, wie es begonnen  hat,  ist es auch wieder zu ende. Seine Welt ist wieder da, wo sie hingehört. Oben ist oben, unten ist unten und draußen liegt ……oh! Draußen liegt dasselbe weiße Zeug,  wie bei ihm in seinem zu Hause. Das ist neu … er staunt, aber nicht zu lange. Wenigstens hat er für einen kurzen Zeitraum vergessen, zu zittern, das setzt jetzt aber mit fast doppelter Wirkung ein. Den restlichen Tag verbringt er normalerweise damit, die unfassbar vielen kleinen weißen Stücke von seinem geliebten zu Hause herunter zu holen, von seiner Bank und von den großen Gewächsen, die neben der Burg stehen. Um dann wieder Ordnung in seine kleine Welt zu bringen, braucht er normalerweise den ganzen Tag und ist am Abend so erschöpft, dass er nach wenigen Minuten eingeschlafen ist. Aber heute ist etwas anders. Gerade als er auf das höchste Dach auf seiner Burg springt, hört er, wie sich die Tür erneut öffnet. Er erstarrt vor Schreck: „Nicht noch einmal.“ Im Blitzteil einer Sekunde ist er zu seiner Bank gehüpft, zu dem gewohnten Vorsprung, angespannt, die Augen gespannt, geschlossen und er wartet. Aber es geschieht nichts. Nach geraumer Zeit traut er sich, die Augen wieder zu öffnen. Er schaut sich um, nichts ist passiert, kein weißes Stückchen hat sich bewegt und alles liegt noch auf dem von ihm vorhin so akribisch sortierten Haufen. Sie, das kleine Wesen, ist auch weg, keine Spur. Er überprüft nochmal den Raum, nichts, alles wie vorherr …halt! Er hat etwas entdeckt. Er hätte es beinahe übersehen, weil es fast ganz von der Burg verborgen ist. Es befindet sich zwischen seiner kleinen Welt und dem großen Glas, durch das die Sonne kommt, und wo er heute die vielen kleinen, weißen Stücke gesehen hat.

So etwas Schönes hat er noch nie gesehen: In einer neuen, kleinen Welt aus Glas, genau wie seine, hängt sie an einer großen, roten Blume. Sie sieht aus, als würde sie schlafen. Dieses große, bunte Wesen, ihre Haut ist aus vielen, verschiedenen Farben; aber nicht so gruselig bunt, wie die, die er am Morgen in der Kiste beobachtet.  Nein, sie ist einfach perfekt. Den restlichen Tag verbringt er einzig damit, sie anzuschauen und auch die Nacht und auch den Morgen. Er kann überhaupt nicht klar denken oder seinem normalen Tagesablauf folgen. Die weißen Blättchen, die noch auf den obersten Stellen seines Hauses liegen, was ihm sonst so unfassbar untragbar gewesen wäre, hat er ganz vergessen. Er sieht nur noch sie an der Blume.

Mehr aus Glück als aus Vorsicht löst er dann doch einmal für einen kurzen Moment seinen Blick von ihr. Er wendet sich gerade noch rechtzeitig, um zu bemerken, dass sich die Tür öffnet. Kurz erstarrt vor Schreck über seine Achtlosigkeit, schafft es dann aber doch zu seinem gewohnten Vorsprung in der Bank zu hüpfen und seinen Schenkel zu verankern. Das typische, furchterregende Schütteln seiner kleinen Welt beginnt. Er hat, zum Teil aus Angst zum Teil aus Konzentration, wieder die Augen geschlossen. Da tritt plötzlich ein andere Gedanke in seinen Kopf. Was ist eigentlich mit ihr? Geht es ihr gut? Wird sie auch so schrecklich umhergewirbelt? Und in diesem Moment lässt er alle Vorsicht fallen, öffnet die Augen und  blickt einen Moment zu lange in ihre Richtung. Er kann sich nicht mehr festhalten und rutscht aus dem Vorsprung. Als er ohne jegliche Kontrolle durch die Luft gewirbelt, versucht er verzweifelt, etwas zu finden an dem er sich festklammern kann. Da sieht er durch die Verzerrung seines Glas, wie das kleine Wesen auf der anderen Seite – immer noch ununterbrochen schüttelnd – die Augen aufreist und den Mund zu einem Schrei verzerrt. Sie starrt auf ihn, wie er durch die Luft wirbelt und sich versucht, an etwas greifbaren festzuhalten. Vor lauter Überraschung über das Gesehene gleitet ihr die Kugel aus der Hand, und er fliegt zusammen mit seinem zu Hause durch das große Glas nach draußen in das weiße etwas.

Seine Glaskugel zerbricht direkt in dem Moment, als sie auf den Boden auftritt und er trifft hart mit dem Kopf am Boden auf. Er kullert durch das Weiße etwas. Er sieht sich um und denkt: „Das wird ja ewig dauern, um das in Ordnung zu bringen.“ Und seine kleine Welt und das neue, schöne Wesen sind vergessen und er beginnt, das Weiße auf die Seite zu schaufeln.